The Beethoven Manuscripts of the Paris Conservatory Library By Max Unger
Die Beethovenhandschriften der Pariser Konservaloriumsbibliothek. Von Max Unger (Leipzig-Zürich) 1935.
Texts and documents by Luigi Domenico Bellofatto
Die Beethovenhandschriften der Pariser Konservatoriumsbibliothek Von Max Unger (Leipzig–Zürich)
Die folgenden Verzeichnisse der Beethovenhandschriften der Pariser Konservatoriumsbibliothek sind von mir während eines mehrwöchigen Aufenthalts in der französischen Hauptstadt im September 1935 angelegt worden und als Nebenarbeiten zu anderen Studien entstanden; denn der Hauptzweck meiner Reise bestand darin, meine Beschreibungen der Handschriften der Schweizer Beethovensammlung, die ich im fünften Jahrgang des Neuen Beethoven-Jahrbuches kurz geschildert habe, durch unbekanntes oder noch ungenügend zugänglich gemachtes Material zu ergänzen. Während der Durchforschung der dort aufbewahrten vielen Skizzenblätter wurde ich indes bald gewahr, dass ich meiner Aufgabe am besten durch Anlage von Listen gerecht werden könnte. So war ich gezwungen, mir über den Inhalt der Blätter möglichst genau Rechenschaft zu geben.
Ich weiß nun freilich selbst, dass diese Nebenarbeit noch keine vollkommene und endgültige Leistung darstellt. Dazu war die Zeit, die mir dafür zur Verfügung stand, viel zu knapp bemessen; denn meine Anwesenheit in Paris fiel leider gerade in die Ferien der Bibliothek, sodass ich nur je drei Nachmittage weniger Wochen auf die Arbeiten verwenden konnte. Beethovenforschung erfordert aber außer beträchtlicher Übung große Geduld und Sorgfalt und darf nicht übers Knie gebrochen werden. (Andernfalls wäre es um einen großen Teil unserer Wissenschaft nicht so jämmerlich bestellt.)
Ich zweifle zwar nicht daran, dass mir für meine Hauptarbeit nichts Wichtiges entgangen ist, dagegen könnte es wohl sein, dass einzelne meiner Feststellungen in den vorliegenden Listen ergänzungs- und verbesserungswürdig sind. Dass ich sie hiermit trotzdem vorlege, hat verschiedene Ursachen: Erstens verbessert und ergänzt die vorliegende Übersicht die knappen Mitteilungen Julien Tiersots in der Revue de Musicologie vom Mai 1927 und vor allem den inzwischen von der Bibliothek selbst in vielem betrachteten Bestand, und dann wird es auch Zeit,
dass die Beethovenwissenschaft einmal möglichst von allem Kenntnis erhält, was sie in der Pariser Bibliothek suchen und finden kann, zumal da viele Blätter offenbar auch den Forschern aus der zweiten Hälfte des
vorigen Jahrhunderts noch entgangen sind. Ich hoffe daher, dass dieser Versuch trotz etwaiger Mängel doch nicht ganz umsonst unternommen ist. An einigen anderen Stellen gedenke ich selbst schon einige Sonderergebnisse zu veröffentlichen.
Da ich auf den folgenden Seiten alle einschlägigen Handschriften der Bibliothek einzeln anführe, darf ich mir eine eingehende allgemeine Würdigung der Bestände ersparen. Es genüge, im Voraus nur auf die größten Kostbarkeiten aufmerksam zu machen. Die Hauptstücke sind die Urschriften der folgenden Werke: Appassionata, vierhändige Waldstein-Variationen, Streichtrio in Es-Dur W. 3 (großes Bruchstück), Streichquintett-Fuge W. 137, letzter Satz der 9. Symphonie (Bruchstück), Trauermarsch aus der As-Dur-Sonate W. 26 (Orchesterbearbeitung, nach H-Moll transponiert) sowie das Lied „An die Geliebte“ (nach J. L. Stoll, 1. Fassung), drei Gesänge W. 83 (nach Goethe), Ariette „Hoffnung“ (W. 82 Nr. 1), dreistimmiger Männerchor „Die Stunde schlägt“ und nicht zuletzt „Ah! perfido!“ (Bruchstück, in Partitur).
Über die reichen Bestände an musikalischen Skizzen sei vorerst nur gesagt, dass kaum eines der großen letzten Werke des Meisters — Neunte, Missa solemnis, Diabelli-Variationen, Streichquartette, Sonaten — darin fehlt. Von früheren seien hervorgehoben: Entwürfe nach Goethes Heidenröslein, Erlkönig, zu gedruckten Liedern, Egmont und Meeresstille und glückliche Fahrt, ferner Blätter zur unvollendeten Kantate „Europens Befreiung“ und vor allem auch ein beträchtlicher Band zur C-Dur-Messe. (Dagegen muss das erste Blatt der Klaviersonate W. 111, das sowohl im Zettelkatalog als auch in dem genannten Aufsatz von Tiersot als Urschrift verzeichnet ist, als solche wieder gestrichen werden; denn nach meinen Feststellungen handelt es sich um eine lithographische Nachbildung nach dem Exemplar, das sich im Archiv des Bonner Beethovenhauses befindet.)
Das Beethovenarchiv der Pariser Konservatoriumsbibliothek ist also — nach und mit den großen Beständen von Handschriften des Meisters im deutschsprachigen Kulturkreis — den Wiener und Berliner Bibliotheken, dem Bonner Beethovenhaus und der Sammlung eines Schweizer Privatmanns, in die ich im vorigen Band des Neuen Beethoven-Jahrbuches einen kurzen Einblick bieten konnte — gleich an erster Stelle als reichhaltigste und wichtigste Heimstätte von Beethoven-Urschriften auf fremdem Boden zu nennen. Es übertrifft damit sogar die Schätze des Britischen Museums, das zwar eine größere Anzahl Briefe, aber weit weniger Bestände an Musikschriften besitzt. Soweit ich zu sehen vermag, ist es schon viele Jahrzehnte alt. Seinen großen Umfang und seine besondere Bedeutung hat es aber erst durch ein großherziges Geschenk erhalten: Der Pariser Musikforscher und Tonsetzer Charles
Malherbe (1853–1911) hat ihr seine bedeutende Sammlung von Musikhandschriften vermacht. Der weitaus größte Teil der Skizzenblätter, aber auch eine Reihe von Urschriften fertiger Werke Beethovens, stammt denn aus dieser reichen Quelle. In den Bemerkungen zu meinen Listen habe ich zwar im Allgemeinen die Namen der feststellbaren Vorbesitzer verzeichnet, auf die Angabe des Namens Malherbe jedoch grundsätzlich verzichtet, weil ich ihn sonst bei den meisten Nummern hätte anführen müssen.
Hoffentlich ist in meinen Verzeichnissen die von mir angestrebte denkbar gute Übersicht erzielt worden. Man wird bemerken, dass ich mich dabei nur auf die notwendigsten Angaben beschränkt habe. Bei den Musikhandschriften habe ich mich an die Nummernfolge der Bibliotheksbezeichnungen (MS. 19–104 u. a.) gehalten, demnach von einer Gruppierung nach Gattungen oder nach der Zeitfolge abgesehen. (Die fehlende Bezeichnung MS. 36 betrifft das als Lithographie entlarvte Blatt der Sonate W. 111.) Einige unter W. 6 … und W. 7 … angeführte Urschriften finden sich in Sammelbänden, welche Handschriften auch anderer Tonsetzer enthalten.
Wo die „Zeit der Niederschrift“ (die nicht immer mit der Entstehungszeit der Werke zusammenzufallen braucht) in eckigen Klammern vermerkt ist, ist sie aus möglichst sicherer Überlieferung gewonnen; wo die Klammern fehlen, stammt die Zeitangabe von der eigenen Hand des Meisters. Die Formate habe ich meist nur allgemein mit „Hochfolio“, „Querquart“ usw. verzeichnet. Zur Feststellung zusammengehöriger Blätter genügen ja die genauen Maße allein nicht; dann hätte ich ja wohl auch größeren Raum beanspruchende sonstige Papierbeschreibungen bieten müssen. Doch ich glaube, dass solche Untersuchungen Sache eines Forschers sind, der einmal ausführliche Abhandlungen über sämtliche Beethovenhandschriften der Bibliothek vorlegt. Früher oder später muss das einmal kommen; das ist die Musikwissenschaft dem größten Instrumentaltondichter aller Zeiten einfach schuldig.
Ich verzeichne hier zuerst die Musikhandschriften des Meisters, dann die wenigen Briefe, lasse besondere wissenswerte Zusätze zu einigen Nummern folgen und weise zum Schluss noch auf ein paar Handschriften hin, die zwar nicht von Beethoven selbst, aber doch aus seiner Zeit stammen und ihn betreffen.
The Beethoven Manuscripts of the Paris Conservatory Library By Max Unger (Leipzig–Zurich)
The following catalogues of Beethoven manuscripts held by the Paris Conservatory Library were compiled by me during a several-week stay in the French capital in September 1935, and arose as side projects to other studies. The main purpose of my trip was to supplement my descriptions of the manuscripts in the Swiss Beethoven collection—which I briefly outlined in the fifth volume of the Neues Beethoven-Jahrbuch—with material that was either unknown or not yet sufficiently accessible. While examining the many sketch leaves preserved there, I soon realized that the best way to fulfill my task would be to compile lists. This forced me to account for the contents of the sheets as precisely as possible.
I am well aware that this side project does not yet represent a complete and definitive achievement. The time available to me was far too limited; my stay in Paris unfortunately coincided with the library’s holiday period, so I was only able to work three afternoons per week. Yet Beethoven research requires, in addition to considerable experience, great patience and care, and must not be rushed. (Otherwise, a large part of our discipline would be in a rather pitiful state.)
Although I do not doubt that nothing important escaped me in my main work, it is quite possible that some of my observations in the present lists are in need of supplementation or correction. I present them nonetheless for several reasons: first, this overview improves and expands upon the brief notes by Julien Tiersot in the Revue de Musicologie from May 1927, and especially the holdings that have since been examined more thoroughly by the library itself. And secondly, it is time that Beethoven scholarship gains as complete a knowledge as possible of what can be sought and found in the Paris library—especially since many sheets have evidently escaped the attention of researchers from the second half of the previous century.
I therefore hope that this attempt, despite any shortcomings, has not been entirely in vain. In other places, I intend to publish some of my special findings separately.
Since I list all relevant manuscripts from the library individually on the following pages, I may dispense with a general assessment of the holdings. It will suffice to highlight the greatest treasures in advance. The main items are the autographs of the following works: Appassionata, four-hand Waldstein Variations, String Trio in E-flat major W. 3 (large fragment), String Quintet Fugue W. 137, final movement of the Ninth Symphony (fragment), Funeral March from the A-flat major Sonata W. 26 (orchestral arrangement, transposed to B minor), as well as the song “An die Geliebte” (after J. L. Stoll, first version), three songs W. 83 (after Goethe), Arietta “Hoffnung” (W. 82 No. 1), three-part male chorus “Die Stunde schlägt,” and not least “Ah! perfido!” (fragment, in full score).
Regarding the rich holdings of musical sketches, it should be said that hardly any of the master’s major late works—Ninth, Missa solemnis, Diabelli Variations, string quartets, sonatas—are missing. Among earlier works, the following stand out: drafts after Goethe’s Heidenröslein and Erlkönig, for printed songs, Egmont and Meeresstille und glückliche Fahrt, as well as sheets for the unfinished cantata “Europens Befreiung” and especially a substantial volume for the C major Mass. (By contrast, the first leaf of the Piano Sonata W. 111, listed as an autograph both in the card catalogue and in Tiersot’s article, must be removed from that classification; according to my findings, it is a lithographic reproduction of the copy held in the archive of the Beethoven House in Bonn.)
The Beethoven archive of the Paris Conservatory Library must therefore be ranked—alongside the major holdings of the master’s manuscripts in the German-speaking cultural sphere, such as the libraries in Vienna and Berlin, the Beethoven House in Bonn, and the collection of a Swiss private individual, which I briefly presented in the previous volume of the Neues Beethoven-Jahrbuch—as one of the richest and most important repositories of Beethoven autographs on foreign soil. It even surpasses the treasures of the British Museum, which holds a larger number of letters but far fewer musical manuscripts. As far as I can tell, the archive has existed for many decades. Its great scope and special significance, however, stem from a generous donation: the Parisian musicologist and composer Charles Malherbe (1853–1911) bequeathed his important collection of musical manuscripts to it. The vast majority of the sketch leaves, as well as a number of autographs of completed Beethoven works, come from this rich source. In the notes to my lists, I have generally recorded the names of identifiable previous owners, but I have deliberately omitted Malherbe’s name, as I would otherwise have had to mention it for most entries.
I hope that my lists have achieved the best possible overview I aimed for. Readers will notice that I limited myself to the essential information. For the musical manuscripts, I followed the numbering system used by the library (MS. 19–104, etc.), thus avoiding any grouping by genre or chronology. (The missing designation MS. 36 refers to the leaf of Sonata W. 111 identified as a lithograph.) Some autographs listed under W. 6 … and W. 7 … are found in composite volumes that also contain manuscripts by other composers.
Where the “date of writing” (which does not always coincide with the date of composition) is given in square brackets, it has been derived from the most reliable sources; where brackets are absent, the date comes from the master’s own hand. I have generally indicated formats only broadly as “upright folio,” “landscape quarto,” etc. Precise measurements alone are not sufficient to determine which sheets belong together; otherwise, I would have had to provide more space-consuming descriptions of the paper. But I believe such investigations are the task of a researcher who will one day present detailed studies of all Beethoven manuscripts in the library. Sooner or later, this must happen; musicology simply owes it to the greatest instrumental composer of all time.
I first list the master’s musical manuscripts, then the few letters, followed by noteworthy additions to certain entries, and finally point out a few manuscripts that are not by Beethoven himself but originate from his time and relate to him.
Max Ernst Unger (Taura, May 28, 1883 – Zurich, December 1, 1959) was a German musicologist best known for his extensive research and writings on the life and works of Ludwig van Beethoven. Although he wrote on a variety of musical subjects, his legacy is most closely tied to Beethoven scholarship.
The son of an industrialist, Unger studied at the Leipzig Conservatory from 1904 to 1906 and entered Leipzig University in 1908, where he studied under Heinrich Zöllner and Hugo Riemann. He earned his doctorate in 1911 with a dissertation on Muzio Clementi. After serving in World War I, he worked as editor of the Neue Zeitschrift für Musik in 1919 and 1920.
From 1932 to 1939, Unger lived in Zurich, where he catalogued the valuable Beethoven collection of local industrialist Hans Conrad Bodmer. This collection was later bequeathed to the Beethoven-Haus in Bonn. In 1939, Unger relocated to Volterra, near Pisa. Despite being denounced in 1935 by the Kampfbund für deutsche Kultur as a “musical Bolshevik,” he later collaborated with the Einsatzstab Reichsleiter Rosenberg (ERR) and the Rosenberg Office (ARo) from around 1942 or 1943. His role involved cataloguing musical scores confiscated from Jewish owners in occupied Paris, including the personal collection of harpsichordist Wanda Landowska.
Unger returned to Zurich in 1957. He is regarded as one of the most important Beethoven scholars of the first half of the 20th century. His books and papers were acquired by the Beethoven-Haus in Bonn in 1961.
Today, the collections of the Paris Conservatory—once studied and catalogued by Unger—have been transferred to the Bibliothèque nationale de France (BnF), where they can be accessed via the Gallica digital library. Unger’s cataloguing system remains influential; it was adopted by Giovanni Biamonti, who assigned catalogue numbers to Beethoven’s works based on Unger’s framework.







